V!C!M! #Strappado

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Platte 10: L’estrapade, Callot 1639

In den Liedern davor haben wir Dix kennen gelernt, seine Definition von Kunst, seine Beweggründe selbst in den Krieg zu ziehen und um ihn zu erleben, weil er musste. Bei Der Baum der Gehängten war die reine Beschreibung das zentrale Thema, die Beobachtung und die klare Trennung von Gesehenen und Empfundenen. Bei Tod und Teufel beginnt die Interpretation gegenüber der Dokumentation an Gewicht zu gewinnen und die Frage der Verantwortung gesellt sich dem Kanon hinzu. Mit Strappado schlussendlich findet der erste Block rund um Jacques Callot sein Ende.

VERS 1

Das dünne Seil ist wie ein Weib, es schmiegt sich eng um deinen Leib,

doch wenn du Unrecht hast getan, zieh ich fester es zusammen.

Dann wird darüber es gelegt, übern höchsten Baum der steht,

ganz langsam steigst du nun empor, Schreie dringen an mein Ohr.

Die Gegenwehr ist erloschen, die Zwänge werden anerkannt und das gesamte Selbstbild, die moralischen Vorstellungen und die Empathie sind begraben unter den Schutt des Krieges. Die Mutation ist abgeschlossen, es gibt kein Hinterfragen mehr, keine Kritik. Was über bleibt ist eine Marionette.

VERS 2

Ob du´s verdient hast oder nicht! Dies ist das Urteil das ich sprich!

Deine Blicke sind mein Sold. Verführen mich, mehr als Gold.

Die Folter ist deine Qual. Diese hier war meine Wahl.

Der atemlose Anfang der schnell in einen Blastbeat übergeht unterstreicht diesen inneren Wechsel. Desto weiter das Lied fortschreitet desto mehr scheint die Hingabe des Charakters, das sich hinwenden und annehmen seiner „Bestimmung“ durch. Der erste und zweite Vers werden dabei noch von einem groovigen Teil durchbrochen und sind so ein Manifest für die noch nicht zu Ende gebrachte Mutation. Doch sobald der dritte Vers Einzug hält spürt man fast eine romantische Hingabe an die Schrecken und Gräuel dessen Verursacher man selbst ist.

VERS 3 (Part 1)

Die Menge sie schreit. Sie laben sich an deinem Leid.

Dein Wille wird brechen. Auf meinen Lippen – ein Lächeln.

Nebulös und gänzlich entrückt steigert sich die Melodie Takt um Takt um nach einer kurze Phase der Entspannung in eine Wand aus Klängen zu münden, die von einer sanften Orgelmelodie fast orgiastisch gesteigert wird. Ein Orgasmus der Psyche, ein ausblenden der Schrecken in dem man sich mitten in sie hinein begibt, sie deshalb nicht mehr erkennt weil man doch nun mitten in ihnen steht.

VERS 3 (Part 2)

Dein Geist wird brechen wie Glas. Deine Schmerzen sind mein kranker Spaß.

Die Folter das ist deine Qual und diese hier war meine Wahl.

Nur einmal noch tauchen Zweifel auf, die langsam und zäh das Bewusstsein zu durchdringen versuchen. Ein letzter Aufschrei nur, doch sinnlos gegenüber diesem Hochgefühl das damit einhergeht jegliche Menschlichkeit hinter sich zu lassen. Den Blick nur mehr auf einen kleinen Punkt zu konzentrieren, alles um sich herum auszublenden und alle Verantwortung von sich zu schleudern wie ein lästig gewordenes Kleidungstück, dass man doch nur als Verkleidung empfand. Und alles was überbleibt ist ein Mann, allein, halb zerschmettert und  hängend im STRAPPADO!

 Μ.Χ. am 11. November 2013



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